Warum Standardlösungen bei der Förderung nur bedingt Sinn machen

Nachhilfe ist in Deutschland ein Riesenthema: Experten gehen davon aus, dass aktuell mehr als 1 Milliarde Euro pro Jahr für Nachhilfe ausgegeben werden. Rund 1,2 Millionen Schüler zwischen 6 und 16 Jahren erhalten in Deutschland, aktuellen Studien zufolge, regelmäßig Nachhilfe. Angesichts dieses Massenphänomens stellt sich da schon die Frage: Macht Nachhilfe, so wie sie mehrheitlich praktiziert wird, denn überhaupt Sinn – bzw. auf was ist bei der Nachhilfe zu achten, damit sie den ihr zugedachten Effekt auch wirklich erzielt?

An der Schloss-Schule Kirchberg, betont Internatsleiterin Melanie Wies, gilt aus gutem Grund das Motto „Jedes Kind ist anders. Und jedes Kind darf auch anders sein”. Was wiederum bedeutet, dass jedes Kind bzw. jeder Jugendliche individuell gefördert werden sollte – es also keine Standardlösungen gibt. Nachhilfe kann dabei zeitweise durchaus ein Baustein dieser individuellen Förderung sein – allerdings ist bei der Nachhilfe darauf zu achten, dass sie inhaltlich und strukturell auf Person, Defizite, Ansprüche und Bedürfnisse des zu fördernden Schülers optimal zugeschnitten ist. Wobei sich einige grundsätzliche Kriterien „richtiger”, sprich zielführender Nachhilfe schon festhalten lassen …

Falls Nachhilfe, dann aber „richtig“.

Wenn bei Schülern Lernprobleme und/oder Leistungsdefizite festgestellt werden, gilt es als erstes – und zwar unter Einbindung aller Beteiligten – zu ermitteln, worin ganz konkret die Ursachen des „Problems” liegen, um optimal fördern zu können, so die Experten von der Schloss-Schule. Manfred Schaffarczyk, Erzieher und Qualitätsmanagementbeauftragter der Schloss-Schule: „Als Mentor, der die Arbeitsstunden der Schüler direkt begleitet, kann ich den Kindern und Jugendlichen zum Beispiel bei der Optimierung von Lernstrukturen und -methoden helfen, was deshalb so wichtig ist, weil manche Schwierigkeiten genau darin ihre Ursache haben. Das Lernen zu lernen, ist sehr häufig ein ganz zentraler Schlüssel zum Erfolg. Nachhilfe im klassischen Sinne ist dann oft gar nicht mehr notwendig!”

Falls die festgestellten Lernstofflücken allerdings so groß sind, dass eine vertiefende, auch inhaltliche Förderung und Unterstützung Not tut, ist es, so die Schloss-Schul-Experten, darüber hinaus von entscheidender Bedeutung bei der Nachhilfe folgende Grundsätze zu beachten:

  1. Eng(st)e Verzahnung zwischen Schule und Nachhilfe: Auf die Bedeutung dieses Aspekts weisen nicht nur die Experten der Schloss-Schule hin. Auch Einrichtungen wie die renommierte Hans-Böckler-Stiftung halten fest, dass es extrem wichtig ist, dass die für die Nachhilfe zuständigen Personen genau wissen sollten, welcher Stoff aktuell in der Schule behandelt wird, welche Hausaufgaben aufgegeben wurden und worin der betreute Schüler bzw. die betreute Schülerin konkret Schwierigkeiten hat.

  2. Klar definierte Nachhilfeziele: Fakt ist, dass klassische Nachhilfe keine „Dauereinrichtung“ werden darf. Sie muss ein von allen Beteiligten (gerade auch von den Schülern selbst mitgetragenes) Ziel haben – und sollte auf eine begrenzte Zeitdauer beschränkt sein. (Weshalb Nachhilfeverträge mit mehrjähriger Laufzeit, wie sie relativ häufig angeboten werden, durchaus kritisch zu hinterfragen sind.)

  3. Intelligentes Zusammenspiel von Laien und Profis: Ein sehr hoher Prozentsatz der Nachhilfe in Deutschland wird von Laien erbracht, oft in Nachbarschaftshilfe. „Ganz grundsätzlich“, darin sind sich Melanie Wies und Manfred Schaffarczyk einig, kann es durchaus Sinn machen, bei Routine-Lernaufgaben auch einmal Laien – wie ältere Schüler aus dem persönlichen Umfeld, direkt bekannte Studenten oder Geschwisterkinder – mit einzubinden. „Geht es darum, die Aufarbeitung neuen oder komplett unverstandenen Stoffs zu fördern, sollte das aber in die Hände von Profis gelegt werden – weil dabei umfassendes pädagogisches und fachliches Wissen erforderlich sind.“ Vokabeln abfragen, grundsätzliche bereits verstandene Lösungswege einüben – das sind typische Aufgaben, bei denen Laien aber durchaus mithelfen können.

  4. Eltern sind nicht per se die besseren Nachhilfelehrer: Eltern sind grundsätzlich die allerwichtigsten Wegbegleiter und Förderer ihrer Kinder – daran gibt es keine Zweifel. Tatsächlich gilt aber auch für Eltern das zuvor Ausgeführte … Geht es also z.B. ans Vermitteln komplett unverstandenen Schullernstoffs stoßen alle Laien an ihre Grenzen – auch die meisten Eltern. Dazu kommt, dass Eltern als Nachhilfelehrer durch die emotionale Nähe zu ihren Kindern gerade während der Pubertät unter Umständen zum Blitzableiter für Schul-Frustrationen werden können – mit hoher Eskalationsgefahr. Insofern gilt auch hier: Hilfe bei Routine-Lernübungen – ja, bis zu einem bestimmten Alter macht das durchaus Sinn. Sobald Eltern aber den Lehrer bei der Vermittlung neuen oder unverstandenen Lernstoffs, speziell in den höheren Klassen, ersetzen wollen, kann es schwierig, auch mitunter unmöglich und nicht zielführend werden!

  5. Adäquate Strukturen sind außerordentlich wichtig: Nachhilfe wird in Deutschland oft in Form von professionell angeleiteten Lerngruppen angeboten – wogegen in vielen Fällen auch wenig spricht. Allerdings gibt es Kinder und Jugendliche, die mit der Gruppensituation Probleme haben. Abgesehen davon, dass es wichtig ist, mittelfristig eventuell vorhandene soziale Schwierigkeiten unbedingt auch zu lösen, kann es kurzfristig deshalb notwendig sein, zunächst 1 : 1 oder in sehr kleinen Gruppen zu fördern. Entscheidend ist, dass Arbeitsumfeld, beteiligte Personen, Strukturen nicht zusätzlich belasten!

  6. Thema Online-Nachhilfe: Gerade in jüngster Zeit wird bei der Nachhilfe mehr und mehr auf Online-Angebote zurückgegriffen. Melanie Wies von der Schloss-Schule: „Auch hier gilt wieder … für Routine-Hilfen können Online-Angebote durchaus sinnvoll sein. Allerdings haben wohl die meisten entsprechenden Angebote das Problem, dass richtige Lösungsansätze – bei falschen Endergebnissen – nur schwer als solche erkannt und von daher kaum als Ansatzpunkt einer darauf aufbauenden Förderung genutzt werden können.”

  7. Wichtig zu wissen – Förderung macht immer Sinn, Nachhilfe nur in spezifischen Situationen: Die Experten der Schloss-Schule betonen ausdrücklich, dass eine gezielte Förderung für alle Kinder und Jugendlichen wichtig ist. Für normalbegabte genauso wie für schwächere oder auch für hochbegabte. Entscheidend ist, dass sie individuell auf den einzelnen Schüler, die einzelne Schülerin abgestimmt ist! Individuelle und professionelle Förderung und Unterstützung können Kindern und Jugendlichen innerhalb der jeweiligen intellektuellen Grenzen erstaunliche Entwicklungsmöglichkeiten erschließen – allerdings nur dann, wenn das Kind oder der Jugendliche selbst davon überzeugt ist (bzw. überzeugt werden kann). Ein entsprechender Elternwille alleine reicht dafür nicht aus – und kann zur Überforderung führen.

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Klassische „externe“ Nachhilfe kommt in der Schloss-Schule in Einzelfällen auch gelegentlich zum Einsatz. Allerdings ist sie nur ein mögliches Modul innerhalb eines umfassenden Systems der individuellen Förderung. Das SKIL-Modell (Schloss-Schule Kirchberg Individuelles Lernen) berücksichtigt individuelle Potenziale jedes Einzelnen und fördert diese gezielt. Die Schüler lernen nachhaltig in Projekten nach Eigeninteressen, und methodisches sowie soziales Lernen sind ebenfalls fester Bestandteil des Unterrichts.

Den Grundstock der Unterstützung außerhalb des eigentlichen Unterrichts bildet bei der Schloss-Schule dabei ein 4-teiliges Unterstützungs- und Fördersystem:

  • Gezielte Hausaufgabenbetreuung durch Fachpersonal in Kleingruppen

Hausaufgaben muss jeder Internatsschüler alleine machen, aber betreut und auch begleitet. Bei den sogenannten Arbeitsstunden (1,5 h pro Tag für die Klassenstufen 5 bis 9 – mit individueller 15-Minuten-Pause nach Absprache) übernehmen das ausgebildete Erzieher und Fach-Lehrer.

Diese sind erste Ansprechpartner, helfen bei der Selbstorganisation und unterstützen bei strukturellen und lernmethodischen Problemen. Geht es fachlich ans Eingemachte, werden die Schülerinnen und Schüler in die sogenannten Lernzimmer „überwiesen“, in denen Fachlehrer dann bei spezifischen Fachfragen weiterhelfen. Die für alle verbindliche „stille Stunde“ nutzen die Schülerinnen und Schüler der Schloss-Schule dann für individuelle Nacharbeiten und Organisatorisches.

Alle Beteiligten (also Schüler, Klassenlehrer, Fachlehrer, Mentoren, Lernzimmerbetreuer) unterhalten dabei einen kontinuierlichen Informationsaustausch, so dass sofort erkannt werden kann, ob über die Hausaufgabenbetreuung hinaus zusätzliche Fördermaßnahmen Sinn machen.

  • Vertiefende Förderkurse in Kleingruppen

Wird dies im Einzelfall von den Beteiligten als effizient eingeschätzt, erhält der zu unterstützende Schüler, die zu unterstützende Schülerin eine vertiefende Förderung im Rahmen von Kleingruppenkursen.

Diese Kurse finden übrigens größtenteils direkt an der Schloss-Schule statt, in speziellen Fällen aber auch außerhalb. Zum Beispiel für die vielen internationalen Schüler der Schloss-Schule am Goethe-Institut im nahen Schwäbisch Hall … Wobei die internationalen Schüler an der Schloss-Schule sowieso sehr intensiv beim Erwerb deutscher Sprachkenntnisse unterstützt werden! Die jungen Gäste aus China, USA, Mexiko, Italien, Frankreich, Russland und vielen anderen Ländern der Welt profitieren z. B. in den Stufen 9 und 10 an der Schloss-Schule von bis zu 12 Stunden Deutsch, davon 4 Fachstunden DfA (d. h. ergänzenden Deutsch-Fachunterricht) plus 4 Stunden DaF (d. h. Deutsch als Fremdsprache). 

Ähnlich intensiv fallen im Übrigen auch die spezifischen Kleingruppen- Förderkurse aus, mit denen Schloss-Schüler und -Schülerinnen bei ihrer spezifischen Vorbereitung auf das Abitur unterstützt werden!

  • Ergänzende Basiskurse

Ebenfalls Bestandteil des Schloss-Schul-Konzepts sind bis Klassenstufe 10 die sogenannten Basiskurse in den Kernfächern Englisch, Deutsch, Mathe und Latein (jeweils 1,5 h pro Woche), an denen, sofern als zielführend festgelegt, jeweils 3 bis maximal 10 Kinder (auf Empfehlung von Mentor, Fach- oder Klassenlehrer hin) teilnehmen.

  • Einzelnachhilfe/-förderung (falls erforderlich bzw. sinnvoll)

Als vierte Stufe des Schloss-Schul-Unterstützungssystems wird bei umfassenderen Lernstofflücken auch in der Schloss-Schule auf das System der Einzelnachhilfe/-förderung zurückgegriffen – entscheidend dabei: immer im engen und intensiven Austausch mit den jeweiligen Fachlehrern und dem Klassenlehrern und stets mit einem S.M.A.R.T.en Ziel (spezifisch, messbar, erreichbar, realistisch, terminiert).

Falls Nachhilfe zum Einsatz kommt, greift die Schloss-Schule bei Routinehilfen auf erfahrene und bewährte Laienkräfte aus dem Umfeld, bei der Vermittlung von neuen, nicht verstandenen Inhalten ausschließlich auf bewährte Fachkräfte zurück, über die sich die Verantwortlichen selbst ein fachlich fundiertes Urteil gebildet haben, so dass die Qualität dieser Unterstützung zuverlässig sichergestellt ist.

Wichtig zu wissen:

Eine amtliche Aufsicht über Nachhilfeeinrichtungen existiert in Deutschland derzeit nicht. Eine der zentralen Forderungen von Institutionen wie der Böckler-Stiftung ist deshalb die Einführung von staatlichen Prüfungen oder Überprüfungen. Eltern sollten sich deshalb derzeit selbst ein umfassendes Bild einer gegebenenfalls einzubindenden Nachhilfeeinrichtung verschaffen!

Eine Schule ganz ohne Nachhilfe und individuelles Lernen ist wohl eher nicht realistisch. Mit durchdachten Förderkonzepten, wie sie die Schloss-Schule praktiziert und die das Individuum in den Mittelpunkt rückt, lässt sich Häufigkeit und zeitlicher Umfang allerdings deutlich reduzieren oder im Einzelfall auch völlig vermeiden. Entscheidend und unabhängig von der jeweiligen Detailausprägung der Förderung ist, dass sie professionell umgesetzt und den individuellen Bedürfnissen, Wünschen und Potenzialen des einzelnen Kindes, des einzelnen Jugendlichen jeweils optimal gerecht wird.