Eltern und Lehrer sind entscheidende Faktoren, die helfen können

Nervosität vor Prüfungen – das kennt fast jeder! Tatsächlich erbringt das Gehirn nachgewiesenermaßen die beste Leistung, wenn man ein wenig Druck verspürt. Doch mehr und mehr Schüler sowie Studierende leiden unter wirklicher Prüfungsangst, also einer extremen Besorgnis, den bevorstehenden Leistungsanforderungen gerecht zu werden, die selbstwertbedrohend werden kann.

Etwa jeder vierte Schüler und mehr als 50 Prozent der Studierenden sind nach Schätzungen und psychologischen Studien betroffen. Wobei abgesehen von der quantitativen Zunahme auch eine qualitative Veränderung zu bemerken sei, sprich „extremer werdende Ausprägungen von Prüfungsangst”, beobachtet Helmut Liersch. Und: Speziell die ohnehin fleißigen und begabten Schüler, vor allem Mädchen, litten unter Prüfungsangst, so der Gesamtleiter des Internatsgymnasiums Schloss-Schule Kirchberg weiter.

Die Beobachtung, dass eine Vorbereitung auf Prüfungen zwar Sicherheit gibt, aber Schüler dennoch nicht vor Prüfungsangst schützt, wurde in der Pisa-Studie zum Wohlbefinden von Schülern, die in diesem Jahr veröffentlicht wurde, bestätigt: In Deutschland hätten demnach mehr als 40 Prozent der Schüler selbst dann Angst zu versagen, wenn sie ausreichend gelernt hatten. Doch woraus resultiert dieses Phänomen – und vor allem, wie kann den Schülern geholfen werden?

Als Ursache kommt vieles in Frage: Überforderung durch den Lernstoff, Notendruck von Eltern oder Gesellschaft, der schon beim Übertritt nach der 4. Klasse beginnt, ungeeignete Lernstrategien, Uni-Zulassungsbeschränkungen bei schlechtem Abi oder auch ein Selbstwertgefühl der Schüler in der Abwärts-Spirale. „Prüfungsängste hängen meiner Meinung nach vielleicht mal an schlechter Vorbereitung, wesentlicher ist aber das mangelnde Vertrauen der Schüler in sich selbst. Kinder, die an ihre Selbstwirksamkeit glauben, also daran, dass sie ihre Erfolge selbst beeinflussen und aus dem Gelernten das Beste machen können, gehen mit Leistungsanforderungen souveräner um”, ist Liersch überzeugt. Beeinflussen können dies vor allem zwei Faktoren: Die Eltern und die Lehrer!

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Sowohl die Zuwendung der Eltern als auch die Unterstützung der Lehrer sind laut Pisa-Studie entscheidende Faktoren für die Zufriedenheit von Schülern und können damit wesentlich gegen Prüfungsängste einwirken. So konnte ein deutlicher Zusammenhang zwischen abnehmender Prüfungsangst im Unterricht bei Lehrern, die individuelle Hilfestellung geben, und stark zunehmender Prüfungsangst bei Lehrern, die Schüler gefühlt strenger bewerten und ihnen weniger zutrauen, hergestellt werden. Soll heißen, Eltern sollten schlicht für ihre Kinder da sein und ihnen klarmachen, dass sie sie völlig unabhängig von Schulnoten gern haben. Lehrer hingegen könnten zum einen fachlich ansetzen, „indem sie Wissenslücken erörtern und vielleicht zusammen mit der Hausaufgabenbetreuung oder Nachhilfe gezieltes Nachlernen anregen”, empfiehlt Helmut Liersch. „Und sie können psychisch ansetzen, indem sie ihre Schüler zu motivieren versuchen, ihnen sagen, dass sie die Anforderungen schaffen werden, wenn sie dies wollen und sich angemessen anstrengen.”

In jedem Fall sollte man erste Anzeichen wie Kopf- und Bauchschmerzen ernst nehmen. „Man merkt, wenn das dauernd gespielt würde”, sagt Liersch. Sollten über einen längeren Zeitraum, also nicht nur einmalig in der Nacht vor der Prüfung, Schlafstörungen auftreten, würde er Eltern dringend zum Gespräch mit der Lehrkraft raten. Nur so könne man filtern, ob es um fachspezifische Prüfungsangst gehe oder um alle Fächer bzw. gar Schulangst und ob eine Überforderung des Einzelnen, mehrerer Schüler oder vielleicht der ganzen Klasse vorliege.

Wichtig für prüfungsängstliche Schüler seien zudem Lern- und Prüfungsstrategien: Wie lernt man richtig, wie bereite ich Referate oder Präsentationen strukturiert vor? „Lernen lernen ist bei uns an der Schloss-Schule im Methodenkurs institutionalisiert, also in einem notenfreien Raum, der bis in die Oberstufe Anleitungen gibt”, erklärt der Leiter der Schloss-Schule. In der Prüfung selbst ist Schülern zu empfehlen, mit einfachen Aufgaben zu beginnen und die Fragestellung gut durchzulesen. Sollte es dennoch zu einem Blackout während der Prüfung kommen, kann tiefes, bewusstes Einatmen als schnelle Entspannungstechnik helfen.   

Am Prüfungstag selbst noch zu lernen wird generell eher weniger empfohlen, ebenso wenig eine Belohnung für gute Noten in Aussicht zu stellen – dadurch würde der Druck auf ein gutes Abschneiden nur noch mehr erhöht. Auch der Austausch mit anderen, nervösen Prüflingen unmittelbar vor einem Test, sollte vermieden werden. „Wir bieten Schülern mit großer Prüfungsangst extra Räume an, in welchen sie ihre Klausuren unter Aufsicht alleine schreiben können”, sagt Helmut Liersch. Sollte aber auch dies nicht mehr helfen, sei eine zusätzliche therapeutische Hilfe gemeinsam mit Eltern und Schülern anzudenken. „Wenn Betroffene mit extremer Prüfungsangst oder Schulangst, die wir auch schon mit Ohnmachtsanfällen erlebt haben, zu uns kommen, bieten wir bewusst die Überlegung Internat mit an”, spricht Liersch aus Erfahrung. „Ziel ist, in der kleinen Einheit Schule-Internat die Schulseite möglichst ohne Ängste wieder mit dem Privaten zu verbinden – und hier sind wir sehr erfolgreich.“

Prüfungsängste, die sich zu einer extremen Schulangst entwickeln können, sollten also durchaus ernst genommen werden – um frühzeitig entgegenzuwirken. Eines aber sollte Schülern generell von Elternseite bewusst gemacht werden: „Es geht bei Prüfungen nie um Leben und Tod”, erklärt Liersch mit einem Augenzwinkern!